Ritual mit Ayahuasca (Nixi Pae) [1]

Ich bin zu Besuch beim indigenen Volk Huni Kuin [2] in ihrem Dorf abgelegen im äußersten Nordwesten Brasiliens tief inmitten des Amazonas Regenwaldes. Heute erwartet mich ein Ritual mit der heiligen Pflanzenmedizin Ayahuasca.  Ich freue mich darauf in die geheimnisvolle Spiritualität dieses Volkes einzutauchen.

Das bevorstehende Ritual mit Ayahuasca (Nixi Pae) rückte näher. In der Hängematte liegend verbrachte ich die Zeit bis es gegen 22:00 Uhr endlich so weit war. Mir dessen bewusst, wie stark die Medizinen hier wirkten, nahm ich mir vor heute nur ein halbes Glas zu trinken.

            Insgesamt zehn Personen versammelten sich für das Ritual in einer der neu fertiggestellten Malocas [3]. Hier saßen wir in einer engen Runde zusammen. In der Mitte unseres Kreises waren die heiligen Medizinen aufgebaut. Draußen neben der Maloca brannte zusätzlich ein Feuer. Insgeheim fragte ich mich, wie ich hier in der Enge und unter Einfluss der Medizin mit den Energien fertigwerden soll.

            Das Ritual wurde eröffnet. Siã hatte sich entsprechend zurechtgemacht und trug einen eindrucksvollen Kopfschmuck. Er hielt eine Ansprache. Dann bat er mich als Erste zu sich, um mir die Ayahuasca-Medizin einzuschenken.

            „Ich glaube heute reicht ein halbes Glas für mich“, sagte ich zu ihm, worauf er mich nur mit einem bestimmten Blick ansah und erwiderte:

            „Das erste Glas wird für jeden in der Runde ein volles Glas sein.“

Ich merkte, dass es nutzlos war zu diskutieren und trank etwas widerwillig das volle Glas.

            Ich setzte mich zurück auf meinen Platz in der Runde. Jetzt wurde den anderen Personen nach und nach die Medizin eingeschenkt. Mir wurde unwohl zumute in der Enge. Und plötzlich ging es ganz schnell. Die Wirkung der Medizin setzte sehr stark ein. In diesem Moment war ich etwas wütend auf Siã und dachte bei mir: „Ich bin einfach zu sensibel für diese ganzen Energien, ich stehe das nicht durch.“ Dann wurde mir schlecht.

            Ich krabbelte aus der Maloca und hockte mich auf die Erde unweit des Feuers. Eine starke Kraft fuhr durch meinen Körper und ich musste mich mehrmals übergeben. Es ging mir hundeelend. Bereits auf der energetischen Ebene angekommen war alles zu viel für mich. Doch ich musste diese Nacht irgendwie durchstehen.

Einer der Dorfbewohner bot mir ein Glas Wasser an. Ich versuchte einen Schluck davon zu nehmen, spuckte es aber sofort wieder aus. In meinem Zustand war es unmöglich für mich, Wasser energetisch aufnehmen.

            Mein ganzer Körper zitterte und ich fühlte mich schwach. Etwas Erleichterung suchend von den schweren Energien der Männer, die beim Feuer saßen, ging ich hinüber auf die andere Seite des Dorfplatzes. Hier ließ ich mich auf einer Bank nieder. Ein Hund lief an mir vorbei, sah mich an und machte sich schnell davon.

Eintritt in die spirituelle Welt - Alles ist miteinander verbunden

Vollends mit geöffneten Augen war ich in die spirituelle Welt eingetreten. Ich brauchte meine Augen dafür gar nicht mehr zu schließen. Teilweise wusste ich nicht mehr, wo ich mich befand, was spirituelle oder materielle Form war. Eine starke Kraft hatte meinen Körper in Besitz genommen. Es war erschreckend und faszinierend zugleich.

            Ungefähr 20 Meter saß ich von der Maloca entfernt in der die anderen angefangen hatten, zu musizieren und zu singen. Aber gleichzeitig war ich immer noch mit ihnen zusammen. Die Distanz war vollkommen aufgelöst. Alles befand sich jetzt in einem höheren spirituellen, energetischen Raum. Während ich hier auf der anderen Seite des Platzes saß, waren ihre Spirits bei mir und unterstützten mich. Mit offenen Augen konnte ich sie sehen. Die zwei Welten waren zu einer geworden, es gab keine Trennung mehr zwischen ihnen.

            Ich schaute über den Dorfplatz. Eine Person stand dort auf dem Platz und spannte ein wunderschönes Netz aus roten energetischen Fäden über das Dorf, das uns alle miteinander verband. Ein Netz aus wunderschönen roten Energiefäden wurde gesponnen und verband uns alle. Es war faszinierend.

            Noch ein weiteres Mal schaute ich zu der Person hinüber, doch sie war verschwunden. Ich hatte diese Person nicht in der materiellen Welt gesehen hatte, sondern in der spirituellen. Es war ein Spirit gewesen, den ich gesehen hatte. Die spirituelle Realität meines inneren Auges hatte sich über die materielle Realität meiner zwei herkömmlichen Augen gelegt.

            In diesem Moment sagte ich zu dieser Kraft, die weiterhin von mir Besitz ergriffen hatte und von den Huni Kuin als „Yuxibu“ (die Kraft des „Großen Geistes“ / „Gottes“) bezeichnet wird, dass ich verstehe. In diesem Moment verstand ich alles, meine Aufgabe hier im Dorf und in meinem Leben. Mir wurde klar, dass genau dies ein Grund für meine Reise hierher gewesen war. Um dies zu erleben und zu sehen, war ich hierhergekommen. Alles machte einen höheren Sinn. Alle Fäden meines Lebens waren gesponnen zu einem sinnvollen größeren Ganzen.

            Wir alle waren miteinander verbunden und auch wenn die Personen im Dorf wenig Zeit hatten war ich hier dennoch nie allein. Dies wurde mir in diesem Moment noch einmal klar vor Augen geführt: Ich war nicht in den Wald und in dieses Dorf gekommen, damit sich jemand um mich „kümmert“, ich war gekommen, um hier direkt von den Spirits zu lernen, den Spirits der Natur, dem „Großen Geist“. Sie waren es, die mich hierher gerufen haben.

            Die Musik und die Kraft der Heilungslieder arbeiteten weiter energetisch in mir und unterstützen die reinigende Kraft der Medizin. Ich spuckte Speichel, schnäuzte meine Nase und pinkelte.

            Plötzlich spürte ich eine energetische Veränderung und schreckte auf. Bunke näherte sich in ihrer physischen Form. Es war ihre Energie, die ich gespürt hatte. Sie holte etwas aus einem Haus und entfernte sich dann wieder.

 

Yuxibu oder die Kraft des großen Geistes

Ich setzte mich auf und streckte meinen Hals und Kopf nach oben in die Luft, so weit es ging. Ich musste meine Gedanken kontrollieren, denn hier auf der höchsten energetischen Ebene hatten sie viel Macht. Hier war die Ebene „Yuxibus“, die Ebene des „Großen Geistes“, des Universums, die Ebene Gottes. Auf dieser Bewusstseinsebene besitzt man die ganze Macht, hier verändern die Gedanken die Realität. Wie faszinierend und wunderschön. Alle Sorgen, die mich täglich plagten, verloren hier ihre Bedeutung. Aus dieser höheren energetischen Ebene heraus wird alles gesteuert. Ich kann vollkommend darauf vertrauen, dass alles so ist und wird, wie es sein soll. Diese höchste energetische Ebene, die Ebene des „Großen Geistes“ ist zugleich der Ort, an dem man alles lernen kann. Hier an diesem Ort empfängt man auch die Lieder der Heilung.

            In diesem Augenblick wurde mir die Bedeutung der Diät klar. Das heilige Taufritual, das ich vor drei Tagen durchlaufen hatte und die strikte Diät, die ich seitdem führte, hatten den Zugang zu dieser anderen Welt noch einmal verstärkt. Auch die Energien des Waldes hoben diese Erfahrung auf ein ganz anderes Niveau.

            Die Zeit schien stehengeblieben zu sein und Minuten wurden zu Stunden. Immer noch sehr schwach von dieser starken Kraft zitterte mein ganzer Körper weiterhin. Dann musste ich mich erneut heftig übergeben. Über der Erde hockend wurde ich eins mit ihrer starken und heilenden Energie. Die Erde zog mich in sich auf.

Immer wieder musste ich mich kontrollieren nicht in die Angst abzudriften, verrückt zu werden. Während ich mich reinigte, sprach die Stimme des „Großen Geistes“ beruhigend durch mich, aber es war zugleich auch meine eigene Stimme: „Habe keine Angst.“

            Ich schloss die Augen und verband mich mit den Energien des Waldes und der Energie des Samaúma-Baumes [4]. Der Wald ist das Sprachrohr des „Großen Geistes“, des Universums. Hier verbergen sich alle Geheimnisse, hier verbirgt sich das gesamte Wissen.

            Nach einiger Zeit fühlte ich mich langsam wieder dazu in der Lage, zu den anderen zurückzukehren. Ich sammelte meine verbrauchten Taschentücher und das Klopapier zusammen, und ging zurück über den Platz zur Maloca. Ich musste mich orientieren, denn zeitweise verlor sich immer noch mein Sinn dafür, wo ich mich befand.

Ich zögerte noch in die Maloca hineinzugehen und setzte mich ein paar Meter entfernt auf die Erde. Von hier aus beobachtete ich die Männer, die weiterhin um das Feuer versammelt waren. Noch immer unter der Kraft der Medizin verschwammen zuweilen ihre materiellen Körper und ihre spirituellen/energetischen Formen bildeten meine wahrnehmbare Realität. Ihre Energien zogen wie schwere Ströme durch meinen Körper.

            Während ich dort saß und der Musik lauschte, drehte sich Siã zu mir um und lächelte mir zu. Ich verspürte den Drang, zu ihm zu gehen. Wir schauten uns einen Moment tief in die Augen und ich sagte nur: „Danke.“

            „Du bist niemals allein“, erwiderte er und ich verstand.

            Die Wirkung der Medizin ließ weiter nach. Jetzt hatte ich den Mut, die kleine Leiter hoch in die Maloca zu klettern und mich zurück zu den anderen in die Runde zu begeben. Es wurde weiter gesungen und musiziert. Siã bot allen noch ein weiteres Glas Ayahuasca an, doch niemand akzeptierte. Wie ich am nächsten Tag in Unterhaltungen mit den anderen Dorfbewohnern erfahren sollte, war das Ritual für jeden sehr stark gewesen.

            Maria saß neben mir und spielte die Trommel. Wir lächelten uns an. Jetzt war ich entspannt und stimmte in den Gesang mit ein. Ein großes Glück überkam mich darüber, dass ich diese wundervolle Erfahrung heute Nacht machen und die Spiritualität des Volkes Huin Kuin hautnah spüren durfte. Es war eine der schönsten und intensivsten Erfahrungen in meinem bisherigen Leben gewesen.

            Gegen vier Uhr morgens verabschiedete ich mich aus der Runde. Ich war müde. Draußen vor der Maloca sahen die Männer beim Feuer, dass ich mich auf den Weg zu meiner Unterkunft machen wollte. Sie kamen zu mir und wir umarmten uns zum Abschied.

            „Der ‚Große Geist’ wird dich auf deinem Weg begleiten“, sagten sie zu mir. Ich nickte, denn ich wusste, sie hatten Recht.

 

 

[1] Ayahuasca (von den Huni Kuin als „Nixi Pae“ bezeichnet) ist ein sakramentales Getränk, das durch das gemeinsame Abkochen der folgenden zwei im Amazonas-Regenwald beheimateten Pflanzen erzeugt wird: Der Rebsorte mit dem Namen „Banisteriopsis caapi“ und den Blättern des Kaffeestrauchgewächses genannt „Psychotira viridis“ (Chacrona).

 

[2] Das Volk Huni Kuin, ist eines der präsentesten indigenen Völker Brasiliens. Es lebt an der Grenze zu Peru im Unterlauf des Jordão Flusses, im Bundesstaat Acre, Brasilien inmitten des Amazonas-Regenwaldes. Die Bezeichnung „Huni Kuin“ (Kaxinawá) bedeutet so viel wie „homens verdadeiros“ oder „gente com costumes conhecidos“ was in der Übersetzung „echte Menschen“ oder „Menschen mit bekannten Bräuchen“ heißt. Ausführlichere Infos zum Volk der Huni Kuin lassen sich unter folgendem Link finden (auf Portugiesisch): https://pib.socioambiental.org/pt/Povo:Huni_Kuin_(Kaxinawá)

 

[3] Malocas sind die traditionellen Häuser mit Dächern aus Stroh der indigenen Völker.


[4] Der Samaúma-Baum wächst zwischen 60 und 70 Metern hoch. Einige Exemplare können jedoch eine Höhe von bis zu 90 Metern erreichen und machen ihn damit zu einem der größten Bäume der Welt. Der Samaúma-Baum ist heimisch in Mexiko, Mittelamerika, in der Karibik, im Norden Südamerikas und in Westafrika. Das Wort Samaúma wird verwendet, um die Baumwollfasern zu beschreiben, die aus ihren Früchten gewonnen werden. Dieser Baum kann Wasser aus den Tiefen des Bodens schöpfen und sich nicht nur selbst versorgen, sondern auch mit anderen Arten teilen, da seine als Sapopemba bekannten Wurzeln zu bestimmten Jahreszeiten platzen und das gesamte umliegende Pflanzenreich bewässern. Er wird von daher auch „Baum des Lebens“ genannt. Vgl.: https://www.iguiecologia.com/samauma/ und https://pt.wikipedia.org/wiki/Mafumeira