Beim Volk der Huni Kuin im brasilianischen Amazonas-Regenwald

 

Abgelegen im äußersten Nordwesten Brasiliens tief inmitten des Amazonas Regenwaldes lebt das indigene Volk der Huni Kuin [1]. Angetrieben von dem Wunsch in ihre geheimnisvolle Spiritualität und die magische Welt des Regenwaldes einzutauchen, begebe ich mich auf eine abenteuerliche Reise in den Dschungel. Dort treffe ich nicht nur auf die „Königin des Waldes“, sondern durchlebe auch ein mystisches Taufritual.

 

Es ist stockdunkel. Meine Taschenlampe leuchtet mir den feuchten und rutschigen Weg durch das dichte Gestrüpp. Kurz darauf erreiche ich das einfache Holzhaus, das für die nächsten drei Wochen mein neues Zuhause sein wird. Ich trete ein und schaue mich im Lichtkegel meiner Taschenlampe um. Großer Schreck! Zwei riesige beharrte Spinnen. Handgroß und unbeweglich sitzen sie da. Weitere Krabbeltiere und Insekten fühlen sich vom Licht angezogen. Ein mulmiges Gefühl überkommt mich. Meine erste Nacht hier alleine inmitten des Urwaldes. Nur ich, meine Taschenlampe und die kleinen Mitbewohner. KeinStrom. Ich verkrieche mich unter meinem Moskitonetz und versuche einzuschlafen. Der Wald summt laut. Die Frösche in den Sümpfen und Teichen vollziehen ihren quakigen Gesang. Noch ist nicht viel von der erwarteten Magie des Waldes zu spüren. Am nächsten Morgen beim Frühstück erzähle ich von den riesigen Spinnen. „Sie sind giftig!“, werde ich gewarnt. „Lass sie einfach in Ruhe. Dann tun sie dir nichts.“

 

Die Ankunft

Mit rasanter Geschwindigkeit fahren wir den kurvigen Fluss hinunter entlang am dichten Regenwald. Die intensiven Geräusche des Waldes vermischen sich mit dem Fahrtwind, der mir energisch ins Gesicht weht. Ich sitze mit Sia und zwei seiner Töchter im Boot. Sia ist der Cacique [2] des indigenen Dorfes, in dem ich drei Wochen bleiben werde. Er hat mir versprochen mich in die mystische Spiritualität seines Volkes einzuweihen. Sias junger Sohn navigiert uns. Er muss aufpassen, dass wir nicht auf Grund laufen. Der Fluss führt an einigen Stellen weniger Wasser. Plötzlich stoppt das Boot ruckartig und sitzt tatsächlich fest. Zum Glück ist keiner von uns ins Wasser gefallen. Etwas erschöpft helfe ich mit, das Boot wieder zu befreien. Der Weg bis hierher war lang. Von meinem Heimatort führte die Reise zunächst nach Rio Branco [3] im Bundesstaat Acre [4] in Brasilien. Anschließend brachte mich eine kleine Propellermaschine nach Jordão [5], einer winzigen Gemeinde inmitten des brasilianischen Regenwaldes. Straßen gibt es in dieser Region nicht. Jetzt liegt nur noch diesezweistündige Bootsfahrt vor mir und das Dorf ist erreicht. 

 

Begrüßungsgeschenk

Endlich angekommen. Sogleich werde ich zu einem Ritual der Körperbemalung eingeladen. Eine Dorfbewohnerin nimmt mich freundlich bei der Hand. „Komm mit mir, ich habe ein Begrüßungsgeschenk für dich“. Ihr Name ist Rosane. Rosane bemalt mich mit einer schwarzen Farbe im Gesicht und an meinen Armen. „Was ist das für eine Farbe?“ frage ich interessiert. „Diese Farbe wird aus einer Frucht namens ‚Genipapo’ gewonnen, die hier bei uns im Regenwald wächst. Die Bemalung dient für dich als energetischer Schutz“, erklärt sie mir. Für sieben Tage wird die Farbe auf meiner Haut verbleiben. Sie besteht aus Grafiken, die das Volk der Huni Kuin während ihrer spirituellen Rituale empfängt. Bereits ganz kleine Babys durchlaufen dieses Ritual der Körperbemalung. Im Anschluss überreicht mir Rosane ein Paar Ohrringe und ein Armband – Schmuck ihres typischen Kunsthandwerkes gemacht aus Missanga [6]

 

Der Alltag im Dorf 

Das Leben ist einfach. Kein Internet. Bis vor kurzem auch keine Elektrizität. Doch jetzt versorgt eine neuinstallierte Solaranlage das Dorfzentrum am Abend für einige Stunden mit Strom. Täglich gehe ich mit den Dorfbewohnern hinunter zum Fluss. Dort waschen wir uns und unsere schmutzige Kleidung. Für die Notdurft halten Trockentoiletten oder der Wald her. Es gibt viel Arbeit. Große dampfende Aluminiumkessel brutzeln auf offenen Feuerstellen. Eifrig bereiten die Frauen die täglichen Mahlzeiten vor, die aus viel Rindfleisch und frischem Fisch bestehen. Für mich als Vegetarierin gibt es Reis, Bohnen, Eier, gekochte oder gegrillte Bananen, Mais, Maniok und Ananastee. Es schmeckt köstlich. Schlichte aber robuste Holzhäuser säumen das Dorf. Ihre Dächer sind aus dichtem Stroh oder vereinzelt aus Aluminium gefertigt. Laut kreischen die Motorsägen, denn gerade werden neue Malocas [7] gebaut. Dazu fällen einige Männer und Jungen im Wald die „Urikuri-Palmen“, deren Blätter sie für den Bau der Dächer verwenden oder für das Kunsthandwerk der Frauen aufbereiten. Andere Männer gehen auf Jagd oder fischen.

Oft schaue ich den Frauen und Mädchen bei der Herstellung ihres traditionellen Kunsthandwerkes zu. Fasziniert bin ich davon, wie sie die winzigen runden Kügelchen aus Missanga auffädeln und so farbenfrohe mit heiligen Grafiken versehene Armbänder, Halsketten und Ohrringe entstehen. Andere flechten Körbe und Matten aus den Blättern der Urikuri-Palme oder weben aus Wolle Taschen, Pullover und Jacken. Neben der Eigennutzung verkaufen sie dieses mit viel Aufwand gefertigte Kunsthandwerk auch an Touristen. Es gibt nur wenige Verschnaufpausen. Frauen und Mädchen tragen große Kessel mit Wasser auf ihren Köpfen von den Erdquellen ins Dorf, reinigen die Häuser oder kümmern sich um die Kinder. Viele der Mädchen im Teenageralter sind bereits selbst Mütter. Neben der Arbeit ist auch die Hierarchie im Dorf klar nach Geschlechtern organisiert. Es sind die Männer, die politisch und spirituell das Sagen haben. 

Als Cacique lebt Sia mit seiner Familie im Zentrum des Dorfes. Hier befindet sich ein Platz für Versammlungen aller Art, eine Schule, die Küche und ein Gebäude, das als Kantine dient. Mit ihm leben fünf weitere Familien ständig im Dorf. Gemeinsam sitzen wir im Vorraum seines Hauses. Er bietet mir etwas von seinem Rapé [8] an. Eine für sie heilige Medizin, die aus dem gemahlenen Tabak der Tabakpflanze und der Asche eines heiligen Baumes besteht. Gemeinsam nehmen wir die Medizin. Ich lasse sie auf mich einwirken und fühle mich gut und entspannt. „Morgen gehen wir in den Wald“, sagt Sia. „Es ist an der Zeit, dass du die ‚Königin des Waldes’ triffst.“

 

Im Wald  

Auf engen Pfaden schlängeln wir uns durch das heiße und feuchte Dickicht. Die Erde ist vom starken Regen aufgeweicht. Ich suche Halt an den Ästen der Sträucher und Pflanzen. Dabei achte ich darauf, nicht in eines der vielen Spinnennetze zu greifen, die den Rand des Pfades säumen. „Vorsicht!“ ruft Sia plötzlich, „nimm dich in Acht vor diesen Ameisen. Ein Stich von ihnen bedeutet starken Schmerz.“Erschrocken schaue ich auf einen Ast. Eine gigantische tiefschwarze Ameise marschiert darauf entlang. 

Der Pajé [9] und seine Frau, die mit uns gekommen sind, sammeln Blätter von den Pflanzen für ihre Medizinen. „Der Wald ist unsere Apotheke“, sagt Leonardo, der Pajé. Seine Frau zerdrückt ein paar Blätter und reibt deren Saft über meine Hände. „Rieche“, fordert sie mich auf. „Der Duft wird dich entspannen.“ Und tatsächlich, es wirkt. Leonardo zeigt mir Pflanzen die gegen jegliches Leid helfen sollen, wie zum Beispiel bei Verbrennungen, Haarausfall, Schwangerschaftsproblemen oder sogar Eifersucht. Kleine Insekten und Mücken schwirren um uns herum. Insbesondere die ganz winzigen, fast unsichtbaren Mücken sind sehr hartnäckig. Schnell hinterlassen sie viele kleine rote Punkte auf dem Körper. Schmetterlinge in strahlend blauer Farbe gleiten durch das Dickicht. Hoch oben in den Baumkronen singen die Vögel. Größere Tiere zu sichten ist hingegen schwer. „Sie halten sich von uns Menschen fern“, erklärt Leonardo. 

Sia verschwindet im Wald. Kurze Zeit später kommt er mit einer Handvoll leuchtend roter Pfefferknospen und einer länglichen Frucht zurück. „Den frischen roten Pfeffer brauchen wir für ein heiliges Ritual, das wir mit dir durchführen werden“, sagt Sia. Ich horche auf. Dann öffnet er die Frucht und bietet mir ihr flaumig weißes Fruchtfleisch an. Es schmeckt gut, sehr süßlich. „Der Name der Frucht ist Ingá“, verrät er. „Wie mein Name“, antworte ich. Wir müssen beide lachen. Zugleich wird Sia jedoch ernst: „Wir versuchen die Nähe zur Natur zu bewahren denn sie repräsentiert unseren Gott. Täglich kämpfen wir für die Stärkung unserer Kultur um so auch den Wald und die Natur zu schützen.“

Schließlich begeben wir uns zurück auf den Pfad zur Königin des Waldes. Sie befindet sich noch etwas tiefer im Dschungel. Doch leider kommen wir nicht weit. Ein umgestürzter Baum versperrt uns den Weg. Enttäuschung kommt in mir hoch. Plötzlich fängt es an, kräftigzu wehen. Wir schauen zum Himmel. Ein Gewitter braut sich zusammen. 

 

Ein Abend mit Musik 

Glücklicherweise schaffen wir es rechtzeitig vorm Einsetzen des Regens zurück. Die gesamte Dorfgemeinschaft versammelt sich in einer der Malocas. Intensiv werden die Trommeln geschlagen und kraftvolle Lieder der Heilung gesungen. Ein tägliches Ritual, durch welches das Volk seine Spiritualität ausdrückt. Die Kinder toben wild um uns herum. Als ich meine Kamera hervorhole, um diesen Moment festzuhalten, bin ich blitzartig von ihnen umringt. Begierig möchten sie alle meine Fotos sehen. Mich rühren ihre natürliche Neugierde und Anhänglichkeit. Einen kleinen Jungen schließe ich besonders in mein Herz. Sein Name ist Tsaná. Er ist still und wirkt sehr sensibel. Er erzählt mir, dass er zehn Jahre alt ist. Meine Nähe suchend setzt er sich neben mich. Ich halte ihn im Arm. Fest greift er mit seiner kleinen Hand nach meiner als würde er mich nie wieder gehen lassen wollen. 

 

„Festival de Legumes“ („Gemüsefestival“)

Die gesamten Dorfbewohner sind mit ihren volkstypischen Trachten und Körperbemalungen zurechtgemacht. Sia trägt einen eindrucksvollen Kopfschmuck aus langen weißen Harpyien Federn und roten Federn der Aras-Papageien. Die Blätter der Urikuri-Palme schmücken zusätzlich die Oberkörper und Stirnen der Männer. Mit Palmenblättern in ihren Händen fassen die Männer sich an die Schultern und bilden eine Schlange. Angeführt von den Pajés bewegen sie sich singend und tanzend zum zentralen Platz des Dorfes. Hier warten die Frauen und Kinder. Gemeinsam bilden sie eine große Runde, nehmen sich an die Hände und tanzen singend im Kreis. Neugierig frage ich, was es mit diesem Ritual auf sich hat. Mir wird erklärt, dass es „Festival de Legumes“ („Gemüsefestival“) genannt wird. Es wird durchgeführt, um den Anbau und die Ernte des Gemüses zu unterstützen, das im Dorf verzehrt wird wie zum Beispiel Mais, Yamswurzel oder Maniok. Beeindruckt schaue ich mir das Ritual an und bewundere, wie stolz sie ihre Kultur zeigen.

 

Samaúma [10] - Die Königin des Waldes 

Einige Tage später. Der umgestürzte Baum ist aus dem Weg geräumt. Es ist strahlend blauer Himmel. Weit und breit kein Regen in Sicht. Sia, sein Bruder Inbuse und ich machen uns auf in den Wald. Beim Eintreten in den dichteren Dschungel verändert sich merklich das Klima. Es ist drückend. Die Energien sind stark. Nach einer Weile bleibt Inbuse abrupt stehen und zeigt nach vorne: „Sieh, dort ist die Samaúma, unsere ‚Königin des Waldes’.“ Ich schaue durch das verwachsene Dickicht und kann bereits ihren mächtigen Stamm erkennen. 

Kurz darauf erreichen wir sie. Ich betrachte den majestätischen Baum. Seine dicken rohrförmigen Wurzeln graben sich vehement über mehrere Meter in den Erdboden. Einige von ihnen schlängeln sich zudem um seinen breiten Stamm und sichern ihn zusätzlich. Mindestens dreißig Personen braucht es bestimmt um diesen Baum vollends zu umfassen. Ich sehe hinauf. Ich weiß nicht genau wie weit, aber es sind sicherlich um die 50 bis 60 Meter. Das intensive Grün der Krone ragt hoch in den Himmel hinaus. Inbuse zeigt auf eine Strebe, die wie ein Seil am Stamm herunterhängt. „Dies ist die ‚Escada dos Espíritos’ (‚Leiter der Geister’). An ihr kannst du hoch hinauf in die Krone klettern“, erklärt er. „Da oben sind alle Geister des Waldes vereint, die der Pflanzen, der Tiere und der Menschen. Dort kannst du sie spüren.“ Für das Volk der Huni Kuin ist der Samaúma-Baum heilig. Er ist für sie ein Geist, der Heilung bringt, eine Verbindung zwischen Himmel und Erde. 

Was für eine enorme Schönheit, Eleganz und kraftvolle Energie dieser Baum ausstrahlt. Ich lege meine Hand an seinen Stamm. In diesem Moment spüre ich die ganze Magie des Waldes, seine heilenden Energien und seine Kraft. Ich bin glücklich hier zu sein.  Doch zugleich breitet sich in mir ein trauriges Gefühl aus. Bilder der unaufhaltsamen Zerstörung dieses Regenwaldes kommen mir in den Sinn. Jeden Tag, ja jede Minute werden Bäume hier im Regenwald abgeholzt und sterben. Bäume wie dieser Samaúma-Baum, der Wasser aus den Tiefen des Bodens schöpft und damit nicht nur sich selbst sondern das gesamte umliegende Pflanzenreich versorgt. Ein Baum, der 500 oder vielleicht bereits 1000 Jahre alt ist, für Regen sorgt und somit Gutes für den Planeten und die Menschheit bringt. Jäh weckt mich Sia aus meinen Gedanken: „Es ist Zeit zu gehen. Doch schon morgen werden wir zurückkehren.“

 

„Hãpaya, o Ritual de Batismo“ – Das „Taufritual“ 

Der nächste Morgen. Ich erhalte eine Gesichtsbemalung mit der roten Farbe der Regenwaldfrucht „urukum“. "Dies dient zur Vorbereitung für ein ‚ritual de batismo’ (‚Taufritual’), das heute mit dir ausgeführt wird. In unserer Sprache heißt es‚ Hãpaya’ und ist sehr heilig für uns“, erklärt mir Sia. Zudem erfahre ich, dass daran eine dreitägige spezielle Diät folgen wird in der Salz, Zucker, Fleisch und Fisch strikt untersagt sind. 

Ein wenig später gehen wir in einer kleinen Gruppe in den Wald zur Samaúma. Sia trägt seinen Kopfschmuck aus Harpyien- und Aras-Papagei-Federn und die Frauen und Kinder, die uns begleiten, tragen bunte Stirnbänder mit den für ihr Volk typischen Grafiken. Auch ich habe ein Band um die Stirn gebunden. Bei der Samaúma angekommen holt Sia den roten Pfeffer hervor. Eine für sein Volk sehr heilige Medizin. Er legt den Pfeffer auf den Boden. Mit der einen Hand fängt er an, ihn mit einem Holzstäbchen zu zermahlen. Dabei spricht er ein Gebet in seiner Sprache. In der anderen Hand hält er einen toten Japinim-Vogel [11]. Ein heiliger Vogel, der den Gesang aller anderen Vögel nachahmt. 

Ich setze mich auf eine der dicken Wurzeln der Samaúma. Sia stellt eine kleine Schale vor meine Füße und verrät mir die Bedeutung des Rituals. „In der Legende der Huni Kuin erhält der Eingeweihte, der dieses Ritual durchläuft eine Initiation und wird damit befähigt, selber zum Heiler zu werden. Er soll durch den Geist des heiligen Pfeffers und des heiligen Vogels Japinim lernen zu singen und Lieder der Heilung in seinen Visionen empfangen.“ Ich muss meinen Mund öffnen und meine Zunge herausstrecken. Ich bin aufgeregt. Sia benetzt den Schnabel des heiligen Vogels mit dem zermahlenen Pfeffer und tupft ihn für einige Minuten auf meine Zunge begleitet von einem weiteren Gebet. „Jetzt muss die Energie der Pfeffer-Medizin für 40 Minuten auf deiner Zunge einwirken“, sagt er nachdem er fertig ist. 

Speichel tropft von meiner Zunge hinab und wird von der kleinen Schale aufgefangen. Der Pfeffer brennt aber ich nehme mich zusammen, nicht zu schlucken oder zu spucken. Ich möchte das Ritual unbedingt durchstehen. Als die 40 Minuten vorüber sind spucke ich den angesammelten Speichel aus meinem Mund und putze mir die Nase.

Das Ritual ist offiziell beendet. Beflügelt gehe ich zu meinem Haus. Es ist außergewöhnlich heiß, bestimmt weit über 30 Grad. Die Sonne brennt erbarmungslos auf das Dorf. Die Energie des Rituals und des Pfeffers ist sehr intensiv. Hier inmitten des Waldes scheint jegliche Wirkung potenziert. Im Haus bin ich allein und kann meinen Empfindungen freien Lauf lassen. Unvermittelt überkommt mich der Drang singen zu wollen. Mir schießen unterschiedliche Melodien durch den Kopf und ich fange tatsächlich an zu singen. Wie im Delirium muss ich lachen und weinen zugleich. 

Dann wird mir plötzlich ganz heiß. Ich schaue in meinen Taschenspiegel. Ein feuerrotes Gesicht sieht mir entgegen. Sobald die Sonne untergeht verlasse ich mein Haus. Eine Dorfbewohnerin reibt mich mit kaltem Wasser ein. Jetzt kühle ich wieder etwas ab. Ich gehe zu Sia und frage ihn, ob diese Hitze eine normale Reaktion auf das Ritual sei. „Es ist eine sehr starke Reaktion“, antwortet er mir. „Doch am ersten Tag ist die Kraft des Rituals am intensivsten. Insgesamt wird sie für drei Tage anhalten.“ 

 

Der Abschied

Das Taufritual und die drei Tage der Diät sind vorbei. Ich fühle mich innerlich gereinigt und gestärkt. Fest habe ich mir vorgenommen, zukünftig mehr zu singen und Gitarre spielen zu lernen. Auch die drei Wochen meines Aufenthalts beim Volk der Huni Kuin sind nun vorüber. Ein letztes Mal gehe ich in den Wald zur Samaúma bevor ich mich schweren Herzens von Sia, Inbuse und allen anderen Dorfbewohnern verabschiede. Im Boot warte ich auf die Abfahrt. Oben am Hang des Ufers steht Tsaná und hält Ausschau nach mir. Ich winke ihm zu. Dann fahren wir los. Tsaná läuft das Ufer entlang. Noch einmal winke ich ihm zu. Dann verlieren wir uns endgültig aus den Augen. 

[1] Das Volk der Huni Kuin, ist eines der präsentesten indigenen Völker Brasiliens. Es lebt an der Grenze zu Peru im Unterlauf des Jordão Flusses, in Acre, Brasilien. Die Bezeichnung „Huni Kuin“ (Kaxinawá) bedeutet soviel wie „homens verdadeiros“ oder „gente com costumes conhecidos“ was in der Übersetzung „echte Menschen“ oder „Menschen mit bekannten Bräuchen“ heißt. Ausführlichere Infos zum Volk der Huni Kuin lassen sich unter folgendem Link finden (auf Portugiesisch): https://pib.socioambiental.org/pt/Povo:Huni_Kuin_(Kaxinawá)

[2] Der politische Anführer einer indigenen Gemeinde. 

[3] Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Acre.

[4] Acre ist ein Bundesstaat im äußersten Nordwesten Brasiliens. Die Vegetation Acres ist fast ausschließlich vom Amazonas-Regenwald geprägt und seine Bevölkerung setzt sich aus indigenen Völkern und Siedlern aus dem Nordosten und Süden Brasiliens zusammen. Vgl. https://www.estadosecapitaisdobrasil.com/estado/acre/

[5] Eine kleine Gemeinde im Bundestaat Acre in Brasilien, die von den Flüssen Jordão und Tarauacá geschnitten wird. Mit etwas mehr als 7.000 Einwohnern liegt die Gemeinde 640 Kilometer Luftlinie von der Landeshauptstadt Rio Branco entfernt und direkt im Amazonas-Regenwald. Von den etwa siebentausend Einwohnern sind mehr als zweitausend Ureinwohner der Huni Kuin-Volksgruppe. Ohne Zugang auf dem Landweg ist Jordão entweder durch eine 3-tägige Reise mit dem Boot oder einem 2,5 stündigen Flug mit dem Lufttaxi zu erreichen. Vgl. https://www.agencia.ac.gov.br/jordo-uma-pequena-cidade-amaznica/

[6] Missanga sind kleine Stücke aus Glas, Stein oder ähnlichem Material gerundet und perforiert, sodass sie mit anderen eingefädelt werden können.

[7] Malocas sind die traditionellen Häuser mit Dächern aus Stroh der indigenen Völker. 

[8] Der Rapé ist ein Schnupftabak, der aus getrocknetem und fein gemahlenem Mapacho Tabak, sowie aus Teilen oder der Asche von verschiedenen Heilpflanzen oder heiligen Bäumen besteht, wie zum Beispiel dem „Mulateiro-Baum“, und mit Hilfe eines Rohres (Tepi) in die Nase gepustet wird. Das Ziel ist es dadurch eine körperliche und energetische Reinigung zu erfahren.

[9] Als Pajé wird der spirituelle Führer einer indigenen Gemeinde bezeichnet.

[10] Der Samaúma-Baum wächst zwischen 60 und 70 Metern hoch. Einige Exemplare jedoch können eine Höhe von bis zu 90 Metern erreichen und machen ihn damit zu einem der größten Bäume der Welt. Der Samaúma-Baum ist heimisch in Mexiko, Mittelamerika, in der Karibik, im Norden Südamerikas und in Westafrika. Das Wort Samaúma wird verwendet, um die Baumwollfasern zu beschreiben, die aus ihren Früchten gewonnen werden. Dieser Baum kann Wasser aus den Tiefen des Bodens schöpfen und sich nicht nur selbst versorgen, sondern auch mit anderen Arten teilen, da seine als Sapopemba bekannten Wurzeln zu bestimmten Jahreszeiten platzen und das gesamte umliegende Pflanzenreich bewässern. Er wird von daher auch „Baum des Lebens“ genannt. Vgl.: https://www.iguiecologia.com/samauma/und https://pt.wikipedia.org/wiki/Mafumeira

[11] Ein für das Volk Huni Kuin heiliger Vogel, der den Gesang aller anderen Vögel nachahmt.

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