Reisereportage 

Auf dem Weg zum indigenen Volk der Pataxó in

Bahia, Brasilien 

Porto Seguro, Caraíva, Taperauan, Coroa Vermelha

 

 

Fast drei Jahre ist es jetzt her, dass ich Deutschland verlassen habe und in Richtung Brasilien aufgebrochen bin. In dieser Zeit habe ich mein Interesse für die Kultur der indigenen Völker dieses großen Landes entdeckt und in mir ist der Wunsch entstanden, mehr über diese Völker zu erfahren und sie persönlich kennenzulernen. Ich bin der Meinung, dass gerade in der heutigen Zeit, in der wir der Bedrohung durch Klimawandel und Verlust der Biodiversität ausgesetzt sind, diese Völker für den Planeten wichtiger sind als jemals zuvor. 

Pataxó - „Regenwasser, das auf die Erde und auf die Felsen schlägt und weiter fließt zum Fluss“

Jetzt bin ich endlich auf dem Weg, mir meinen Wunsch zu erfüllen und sitze auf dem Flughafen in Belo Horizonte in Brasilien. Ich warte auf das Boarding meines Flugs nach Porto Seguro, eine Stadt an der Antlantikküste im Süden des Bundesstaates in Bahia in Brasilien von wo es dann weitergehen soll nach Caraíva, einem kleinen Küstenort ungefähr 70 km von Porto Seguro entfernt. In Bahia lebt das indigene Volk der Pataxó. Pataxó ist die Selbstbezeichnung dieses Volkes und steht für „Regenwasser, das auf die Erde und auf die Felsen schlägt und weiter fließt zum Fluss.“ Ich hoffe, sie zu treffen und mit ihnen sprechen zu können. Auch freue ich mich schon sehr auf den Strand und das Meer, den Atlantischen Ozean.

Von Porto Segura nach Caraíva entlang am Atlantischen Wald (oder was davon noch übrig ist)

In Porto Seguro angekommen regnet es stark, aber ich kann das Meer schon sehen und riechen. Am späten Nachmittag mache ich mich dann auf den Weg, um den Bus nach Caraiva zu nehmen. Dazu ist es notwendig mit einer Fähre den Fluss Buranhém zur anderen Seite des Ufers nach Arraial d´Ajuda zu überqueren, von wo die Busse in Richtung Caraíva abfahren. Als ich den mächtigen Fluss Buranhém sehe und auf die andere Seite des Ufers blicke wächst in mir die Vorfreude auf die Reise, die vor mir liegt.

Die Busfahrt nach Caraíva dauert knapp drei Stunden und führt die meiste Zeit über eine nicht-asphaltierte und erdige Straße. Durch den starken Regen der vergangenen Tage ist die Straße zum Teil stark aufgeweicht und es haben sich große Pfützen gebildet. Einige Male während der Fahrt muss der Bus, der schon einige Jahre auf dem Buckel hat, des Öfteren erneut Anlauf nehmen, um vorwärts zu kommen. Ich hoffe insgeheim, dass wir nicht doch noch stecken bleiben werden.

Rechts und links während der Fahrt kann ich den Atlantischen Wald sehen. Doch je weiter wir uns unserem Ziel nähern desto mehr fällt mir auf, dass nicht mehr viel von diesem schönen Wald mit seinen hohen und majestätischen Bäumen übrig ist. Wir kommen an großen Farmenvorbei, Rinder grasen auf steppenartigen Landflächen. Ich sehe viele Monokultur-Plantagen. Einige der ehemaligen Waldflächen scheinen gerade erst vor kurzem abgebrannt worden zu sein. Man sieht noch die verkohlten Reste und Stümpfe der abgebrannten Bäume. Vereinzelt hat ein Baum überlebt und ragt einsam aus der großen leeren Fläche hervor. Ich nehme wahr wie Vögel über die Flächen fliegen und nach Bäumen suchen, auf denen sie sich niederlassen können.

Diese Zerstörung von einem der artenreichsten und bedrohtesten Wälder des Planeten zu sehen, stimmt mich sehr traurig. Zeitweilig muss ich mit den Tränen kämpfen und meine Vorfreude auf Caraiva trübt sich etwas. Ich spreche meinen Sitznachbarn auf die Zerstörung des Waldes an und er sagt mir, dass bereits über viele Jahre hinweg immer mehr Waldflächen an die großen Bauern und deren Farmen verloren gehen. Obwohl es traurig ist, sei dies Alltag in Brasilien. Meine Stimmung ist gedrückt. Vielleicht war ich naiv, aber ich hatte mich so sehr auf die Natur gefreut und war nicht vorbereitet auf diesen Anblick. 

Caraíva

Nach einem kurzen Zwischenstopp und einem kleinen Imbiss erreichen wir den Fluss Caraíva. Kleine Fischerboote warten schon, um uns Reisende und unser Gepäck auf die andere Seite des Ufers zu bringen. Nach dieser letzten Etappe haben wir unser Ziel erreicht. Wir sind im Küstenort Caraíva. Ich bin erleichtert und etwas müde. Ein Esel-Kutschen-Taxi bringt mich zu meiner Pension. Obwohl es bereits dunkel ist, möchte ich noch das Meer begrüßen. Ich kann nicht viel sehen, aber ich höre das intensive Rauschen des vom Winde aufgewirbelten Meeres welches mich in dieser ersten Nacht in meinen Schlaf begleitet.

Am nächsten Morgen bemerke ich, dass der gesamte Künstenort von einem Stromausfall betroffen ist. Dies sei normal, so wird mir versichert, denn schließlich ist der Strom erst im Jahr 2007 nach Caraíva gekommen und die Leitungen sind teilweise noch etwas instabil. Eine gute Gelegenheit, um die Seele baumeln zu lassen, denke ich mir. Gegen 22 Uhr am Abend kommt der Strom schließlich zurück pünktlich um das bunte Nachtleben Caraívas einzuleiten.

Caraíva ist ein schöner, quirliger Ort mit einem regen Nachtleben. Die Leute sitzen in Bars am Ufer des Flusses und die schicken und teuren Restaurants und kleinen Boutiquen säumen die sandigen Wege. Auch die Indigenen des Ortes haben ihre Stände mit ihrem Kunsthandwerk aufgebaut. Die Nächte sind lebendig. Die Musik des Forrós und das ausgelassene Publikum dieses typischen brasilianischen Tanzes der seine Wurzeln im Nordosten des Landes hat sind bis in die frühen Morgenstunden zu hören. Die Natur ist sehr schön. Die Strände sind weit und es ist malerisch anzusehen, wenn der Fluss Caraíva auf den Atlantischen Ozean trifft und mit ihm zusammenfließt. 

In meiner Zeit in Caraíva, verbringe ich viel Zeit am Strand und mit dem Meer. Es regnet viel. Der nahe, weite und lange Strand ist fast menschenleer und dort kann ich mit dem Meer alleine sein. Dies geniesse ich vor allem in den Nächten, wenn ich mein Zimmer der Pension verlasse, um dem Trubel und der Forró-Musik zu entkommen. 

Während ich am nächtlichen Strand liege beobachte ich das Meer. Ich beobachte wie die Wellen aufgewühlt vom Wind an das Ufer schlagen und das Wasser vom Mond anschließend wieder zurückgesogen wird. Ein magisches Schauspiel, das sich endlos wiederholt. Wenn die Wolken sich etwas zurückziehen scheint der Mond hell auf das Meer und lässt ein weißes sanftes Licht auf das Wasser fallen. Ich bohre meine Finger und Hände in den feuchten Sand, spüre den Wind und die nasse Brise des Meeres. Ich nehme die Energie des Meeres in mir auf. Ich bin glücklich in diesem Moment. 

Dennoch entscheide ich mich, Caraíva nach kurzer Zeit wieder zu verlassen. Mir wird klar, dass der Ort nicht der ist, nach dem ich gesucht habe. Es ist gerade Urlaubszeit in Brasilien und das Ambiente des Ortes erinnert mich etwas an die teuren und hippen Plätze, wie es sie überall auf der Welt gibt und wo sich die schicken, wohlhabenden und kunstliebenden Leute der Metropolen für ihre Ferien treffen. Ich höre von Einheimischen, dass diese Änderung und zunehmende Gentrifizierung wohl erst in den letzten zwei Jahren stattgefunden und Caraíva somit ein wenig von seiner früheren Einfachheit und relativen Unberührtheit verloren hat.

Taperauan

Ich fahre nach Porto Seguro zurück. Dort habe ich ein Zimmer gefunden in Taperauan, ein Ort und Strand ungefähr zehn Kilometer vom Zentrum der Stadt entfernt. Das Zimmer liegt laut Beschreibung der Vermieter in einem ökologischen Resort und ich hoffe dort endlich die Ruhe zu finden, die ich suche. Zwar bedauere ich es sehr, dass ich in Caraíva nicht wirklich in engeren Kontakt mit den dort einheimischen Indigenen gekommen bin, aber ich hoffe, dass sich mir die Gelegenheit noch bieten wird. 

In Taperauan stellt sich heraus, dass das Zimmer wirklich sehr schön und ruhig gelegen ist. Es ist eine Ruhe, wie ich sie nur sehr selten erlebe. Ich kann das Knirschen und Ächzen der Bambus-Bäume in der Nähe meines Fensters hören, wenn sie sich im Wind hin- und her bewegen. Der Strand, den ich von meiner Unterkunft zu Fuß erreichen kann, ist ein typischer stadtnaher Strand mit vielen Menschen und Events. Aber meine beiden Mitbewohnerinnen, erzählen mir von Coroa Vermelha, einem nahegelegenen Strand und indigenem Dorf. Mein Interesse ist geweckt.

Begegnung mit dem indigenen Volk der Pataxó in Coroa Vermelha

Am nächsten Tag nehme ich den Bus nach Coroa Vermelha eine Bucht, die ihren Namen der Tatsache verdankt über ein großes Riff von Orangenkorallen zu verfügen. Die zwanzigminütige Fahrt auf der Hauptstraße führt entlang des Meeres. Der atlantische Ozean schimmert grünlich in der Sonne. Vereinzelt sind Menschen im Wasser zu sehen, die mit den kleinen Wellen spielen. Der starke Wunsch überkommt mich auch in dieses Meer zu springen. 

Nach circa 20 Minuten hält der Bus in Coroa Vermelha. Ich steige aus dem Bus und verliebe mich sofort in diesen Ort. Von der Hauptstraße, an der kleine Kioske und Bäckereien ortsübliche Leckereien der bahianischen Küche verkaufen führt ein breiter Weg hinunter zum Hauptplatz des Ortes und zum Meer. Dieser Weg ist gesäumt von kleinen Lädchen der Einheimischen des indigenen Dorfes des Volkes der Pataxó, die ihr Kunsthandwerk anbieten und verkaufen. Das Handwerk ist hochwertig und besteht aus allem, was die Natur zu bieten hat, wie zum Beispiel Holz, Samen, Stroh, Weinreben, Ton, Federn, Bambus und Kokosschale. Einige der Handwerksprodukte sind für den alltäglichen Gebrauch bestimmt wie Töpfe, Taschen, Körbe und dergleichen. Darüber hinaus gibt es Pfeile und weitere Utensilien für die Jagd, Kopfschmuck gemacht mit echten Federn, Armbänder, Ohrringe und Halsketten. Manches Handwerk bietet auch spirituellen Schutz, wie beispielsweise bestimmte Ketten. Ich erfahre, dass die Handwerkskunst ein Weg für die Pataxó ist, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und ihre Kultur am Leben zu erhalten. 

Ein kleiner Pfad abseits dieses Hauptweges führt zum zentralen Platz des Dorfes der Indigenen. Dieser zentrale Platz an dem die Bewohner zusammenkommen und auch Tänze vorführen ist kreisrund umsäumt von Wandmalereien, die unter anderem heilige Tiere der Ureinwohner zeigen, wie den Jaguar und den Tucan-Vogel. Hier verliere ich mich weiter in den kleinen Lädchen und Ständen der Dorfbewohner, bestaune ihr Kunsthandwerk und kaufe ein paar Andenken und Geschenke. 

Nach einer Weile erreiche ich den Hauptplatz des Ortes Coroa Vermelha in dessen Mitte ein großes Kreuz steht. Dieses Kreuz kennzeichnet diesen historischen Ort und Strand und erinnert daran, dass hier gemäß der Geschichtsschreibung am 22. April 1500 Brasilien offiziell von der Flotte der Europäer entdeckt und am 26. April 1500 die erste Messe Brasiliens abgehalten wurde. 

Ich überquere den breiten Platz. Hinter dem Kreuz kurz vor dem Strand, so hat man mir gesagt, finde ich den Pajé, den spirituellen Führer der Gemeinde, der Kräuter und Medizin verkauft. Ich trete in einen Laden ein, der den Platz mit dem Strand verbindet und treffe dort auf den Sohn des Pajés der Gemeinde. Wir kommen ins Gespräch und unterhalten uns auf Portugiesisch. Ich erfahre, dass sein Name Ubiranan ist. Ich kaufe einen Rapé-Schnupftabak von ihm und gehe anschließend hinaus an den Strand. 

Es fängt schon an zu dämmern und und die kleinen Strandcafés beginnen zu schließen. Es ist leer. Der Strand gefällt mir. Das Wasser ist klar und ruhig und ähnelt einem Meeresschwimmbecken. Ich gehe zum Meer und lasse die flachen und seichten Wellen meine Füße umspülen. Ich sammle ein paar Steine und Muscheln und setze mich dann in den Sand. Etwas weiter entfernt, kann man kleine Fischerbötchen auf dem Meer treiben sehen. Ich sehe wie das Meer von einer Sanddüne geteilt ist und beobachte wie Menschen diese Düne im Sonnenuntergang entlangspazieren. Ich genieße es am Meer zu sitzen und den Wind zu spüren. Es ist zu spät, um schwimmen zu gehen. Dies nehme ich mir für den morgigen Tag vor.

Rückkehr nach Coroa Vermelha - Interview mit Ubiranan Pataxó

Einen Tag später mache ich mich erneut auf den Weg nach Coroa Vermelha diesmal mit der Absicht Ubiranan um ein Interview zu bitten. Ich komme im Dorf an und während ich an den Läden der Einheimischen vorbeigehe erkennen mich manche von gestern und wir begrüßen uns. Ich treffe Ubiranan in seinem Laden an und frage ihn, ob ich ihn interviewen darf. Er willigt ein. Ich freue mich sehr darüber. Wir setzen uns hin und sprechen ungefähr eine halbe Stunde. Ubiranan erzählt mir von der Wichtigkeit des Waldes für sein Volk und davon, dass sie die Zutaten für ihre Medizinen im Wald finden. Er betont darüber hinaus wie wichtig der Wald für die Menschheit insgesamt ist. Er erzählt mir von ihrem Gott, einer übernatürlichen Kraft, die alles geschaffen hat und für alle gleichermaßen da ist und wie bedeutend die Verbindung zu diesem Gott und dieser Kraft für ihn und sein Volk ist. Er erzählt von der Mission der indigenen Völker die Natur und den Wald vor der Zerstörung zu schützen und von ihrem Glaube an eine Welt ohne Gewalt, Tod und Leiden. Er erklärt mir weiterhin die Bedeutung des Pajés, des spirituellen Führers der Gemeinde. Der Pajé kann weiblich oder männlich sein, doch zeichnet ihn die Gabe aus sich mit der spirituellen Welt zu verbinden und so Heilung für sich und andere Personen zu vollziehen. 

Nach unserem Gespräch bedanke und verabschiede ich mich bei Ubinaram. Auch er nutzt die Gelegenheit seine Dankbarkeit auszudrücken für die Unterstützung, die sein Volk und der Regenwald in Brasilien von den Europäern erhalten. Ich gehe hinaus ans Meer. Heute lasse ich es mir nicht nehmen, ins Wasser zu gehen um zu baden und zu schwimmen. Die Sonne fängt bereits an, am Horizont unterzugehen. Das Wasser ist ruhig und angenehm frisch. Es ist eine große Wohltat, das Meerwasser auf meiner Haut zu spüren. Ich merke erneut, wie sehr ich das Meer liebe. Als es dunkel wird und die kleinen Restaurants am Strand anfangen zu schließen mache auch ich mich wieder auf den Rückweg zu meiner Unterkunft in Taperauan. Ich werde ein wenig wehmütig, denn morgen bereits ist der Tag meiner Rückreise nach Belo Horizonte. Ich hoffe eines Tages hierher zurückzukehren.

Zurück nach Hause

Mein letzter Reisetag ist gekommen. Als es Zeit wird aufzubrechen gehe ich noch einmal hinaus zu den Bambusbäumen und verabschiede mich auch von ihnen. Ich staune wie hart, stabil und fest ihre Stämme sind und ihre leuchtende kraftvolle grüne Farbe fasziniert mich. Ich habe die Stille und die Nähe zur Natur so genossen.

Für meine Rückkehr nach Belo Horizonte habe ich eine Mitfahrgelegenheit. Auch in Brasilien gibt es die Möglichkeit Mitfahrgelegenheiten über das Internet zu organisieren. Die Fahrt wird ungefähr 15 Stunden dauern und ich hoffe, dass alles klappen wird. Die Straßen in Brasilien sind relativ unsicher und gefährlich. Es gibt täglich viele Unfälle. Doch bereits ungefähr 20 Kilometer nach unserem Start in Porto Seguro haben wir eine Panne. Etwas stimmt mit dem Reifen nicht. Mir wird das alles zu unsicher und ich entscheide mich wieder zurück nach Porto Seguro zufahren. Wir schaffen es ein Auto auf der Straße anzuhalten und eine nette Person nimmt mich wieder mit in die Stadt. Ich kehre also noch für eine weitere Nacht in meine Unterkunft in Taperauan zurück. Dort suche ich nach einer anderen Mitfahrgelegenheit, aber es wird keine angeboten. Auch die Busse nach Belo Horizonte sind für die nächsten Tage bereits voll. Mir bleibt nichts anderes übrig als einen Flug zu buchen. 

Wieder zurück in Belo Horizonte, bin ich insgesamt sehr glücklich über meine turbulente Reise. Ich fühle mich verändert. Der Kontakt zum Meer hat in mir eine starke Energie hinterlassen. Auch macht es mich sehr glücklich, dass ich Ubiranan und die Einheimischen des Dorfes der Pataxó von Coroa Vermelha kennenlernen durfte.

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