Beim Volk der Huni Kuin [1] im brasilianischen Amazonas-Regenwald

 

 

Abgelegen im äußersten Nordwesten Brasiliens tief inmitten des Amazonas Regenwaldes lebt das indigene Volk der Huni Kuin. Schon lange ist es mein Wunsch mehr über die Kultur der indigenen Völker des Landes zu erfahren. Jetzt ist es soweit und ich begebe mich auf eine abenteuerlich Reise zu ihnen in den Dschungel. 

 

Es hat geregnet und ich ziehe mir meine Gummistiefel an. Es ist mein erster Morgen im Dorf. Ich begleite die Männer und Jungs zu ihrer Arbeit in den Wald. „Wir sind dabei Material aus dem Wald zu holen für die Dächer der Malocas [2], die wir gerade bauen“, sagt Teríano. Teriáno ist einer der Männer, der zusammen mit seiner Familie im Dorf lebt. Ich fange an zu schwitzen. Zum Glück habe ich meine Wasserflasche dabei. Die Erde ist aufgrund des Regens aufgeweicht. Es ist sehr rutschig und man muss aufpassen, dass man nicht hinfällt. Ich suche halt an den Ästen der Sträucher und Pflanzen. Dabei achte ich darauf, nicht in eines der vielen Spinnennetze zu greifen, die den Rand des Pfades säumen. „Vorsicht!“ ruft Teríano plötzlich, „nimm dich in Acht vor diesen Ameisen“. Ich schaue auf einen Ast und sehe eine riesige schwarze Ameise darauf entlang marschieren. Noch nie habe ich eine so große Ameise gesehen. „Pass auf, dass du nicht aus Versehen auf diese Ameisen fasst. Wenn sie sich bedroht fühlen und zustechen, wirst du einen großen Schmerz spüren“, warnt mich Teríano. Dankbar für diese Information nehme ich mir vor sie für den Rest meines Aufenthaltes im Kopf zu behalten. 

Teríano zeigt mir wie sie Palmen fällen und ihre Blätter aufbereiten für den Häuserbau und für die Handwerkskunst der Frauen. „Diese Palmenart nennen wir ‚Urikuri’", erklärt er.

Die Männer haben ein großes Wissen über die Pflanzen und Bäume des Waldes. „Der Wald ist unsere Apotheke“, sagt Leonardo. Er ist Medizinmann und mit uns in den Wald gekommen. Er zeigt mir Pflanzen, die gegen jegliches Leid helfen sollen, zum Beispiel bei Verbrennungen oder bei Problemen in der Schwangerschaft. Leonardo pflückt ein Blatt von einem Strauch und reicht es mir. „Hier nimm und rieche es“, sagt er „Der Geruch und Saft dieses Blattes helfen gegen das Gefühl der Eifersucht“, verrät Leonardo. 

Die Vögel singen. Wenn man hoch hinauf in die Baumkronen schaut, ist es möglich sie dort sitzen zu sehen. Aber ansonsten ist es schwer größere Tiere zu sichten. „Sie halten sich von uns Menschen fern. Um sie zu sehen, müssten wir noch viel tiefer in den Dschungel gehen und das ist gefährlich“, erklärt Leonardo. Kleine Insekten und Mücken schwirren um uns herum. Es sind insbesondere die ganz kleinen und fast unsichtbaren Mücken, die sehr hartnäckig sind. Sie hinterlassen schnell viele kleine rote Punkte auf dem Körper. Mein mitgebrachtes Mückenspray hilft nur wenig dagegen. Irgendwann kapituliere ich und lasse sie gewähren. Kurz bevor es dunkel wird gehen wir wieder zurück ins Dorf. 

Die Ankunft

Mit rasanter Geschwindigkeit fahren wir den Fluss hinunter entlang am dichten Regenwald. Die intensiven Geräusche des Waldes vermischen sich mit dem Fahrtwind. Ich sitze mit Sia und zwei seiner Töchter im Boot. Sia ist der Cacique [3] des indigenen Dorfes, in dem ich drei Wochen bleiben werde. Sias Sohn, ich schätze ihn auf ungefähr zwölf Jahre, navigiert das Boot und muss aufpassen, dass wir nicht auf Grund laufen. Der Fluss führt an einigen Stellen weniger Wasser. Plötzlich stoppt das Boot abrupt. Wir sind tatsächlich auf Grund gelaufen. Zum Glück ist keiner von uns ins Wasser gefallen. Wir steigen alle aus, um das Boot wieder zu befreien. Die Fahrt geht weiter. Mir weht der feuchtwarme Wind ins Gesicht. 

Müde von der langen Reise erwarte ich die Ankunft. Der Weg bis hierher war lang. Von meinem Heimatort bin ich zunächst nach Rio Branco [4] in Acre [5] gereist. Von dort aus ging es weiter mit dem Lufttaxi, einer kleinen Propellermaschine, nach Jordão [6]. Jordão ist eine Gemeinde inmitten des brasilianischen Regenwaldes. Straßen gibt es in dieser Region nicht. Jetzt liegt nur noch eine zweistündige Bootsfahrt vor mir und das Ziel ist erreicht. 

 

Begrüßungsgeschenk 

Kurz nach meiner Ankunft lädt mich eine der Dorfbewohnerinnen zu einer Körperbemalung ein. „Komm mit mir, ich habe ein Begrüßungsgeschenk für dich“. Ihr Name ist Rosane. Rosane bemalt mich mit einer schwarzen Farbe im Gesicht und an meinen Armen. „Was ist das für eine Farbe?“ möchte ich wissen. „Es ist eine Farbe, die aus einer Frucht namens ‚Genipapo’ gewonnen wird. Sie wächst hier an einem Baum im Regenwald. Die Bemalung dient für dich als energetischer Schutz“, erklärt sie mir. Weiterhin erfahre ich, dass die Bemalung für sieben Tage auf meiner Haut verbleiben wird, bevor sie sich wieder abwaschen lässt. Sie besteht aus Grafiken, die das Volk Huni Kuin während ihrer spirituellen Rituale empfängt. Bereits bei den ganz kleinen Babys im Dorf wird Genipapo angewendet, um ihnen einen energetischen Schutz mit auf den Weg zu geben. Im Anschluss an die Bemalung überreicht mir Rosane ein Paar Ohrringe und ein Armband – Schmuck ihres typischen Kunsthandwerkes gemacht aus Missanga [7] – als Willkommensgeschenk. Ich freue mich sehr über dieses Zeichen der Herzlichkeit. 

 

Mein neues Zuhause

Das Haus, das für die nächsten drei Wochen mein neues Zuhause sein wird, steht ungefähr fünf Minuten vom Zentrum des Dorfes entfernt. Um es zu erreichen, gehen Sia’s Frau Bunke und ich durch dichtes Gestrüpp einen Hügel hinauf. Das Haus ist einfach, aus Holz gebaut und steht auf hölzernen Stelzen. „Hier wirst du ein wenig Ruhe von der Hektik des Dorfes finden“, sagt Bunke und öffnet die Tür. Das Haus hat drei Zimmer. Wir bauen meinen Schlafplatz auf, der aus einer einfachen Matratze besteht. Ich spanne mein mitgebrachtes Moskitonetz darüber. „Hast du eine Taschenlampe mitgebracht?“, fragt Bunke mich. Sie erzählt mir, dass das Haus nicht über Elektrizität verfügt. 

 

Die erste Nacht 

Später am Abend mache ich mich wieder auf den Weg hinauf zu meinem Haus auf dem Hügel. Es ist bereits stockdunkel. Meine Taschenlampe leuchtet mir den Weg durch das Gestrüpp und ich hoffe, dass ihre Batterie nicht plötzlich versagt. Der Weg ist feucht. Man muss aufpassen, seine Sandalen nicht im Schlamm zu verlieren oder auszurutschen. Der Wald summt laut und die Frösche in den Sümpfen und Teichen vollziehen ihren Gesang. 

Als ich das Haus erreiche, eintrete und hineinleuchte, sehe ich, dass sich zwei große Spinnen drinnen an einer Wand niedergelassen haben. Ich erschrecke. Sie sind handgroß. Ich entscheide mich dafür, sie in Ruhe zu lassen und hoffe, dass sie nicht aggressiv sind. Es wimmelt von weiteren Krabbeltieren und Insekten im Haus, die sich vom Licht meiner Taschenlampe angezogen fühlen. Kakerlaken kriechen durch die Schlitze im Holzfußboden und in den Holzwänden hervor. Manche sind riesig. Mir wird etwas unwohl. Während ich versuche einzuschlafen, leuchte ich noch ab und zu meinen Schlafplatz ab, um mich zu vergewissern, dass sich die Spinnen weiter an ihrem Platz befinden oder nicht irgendein Tier in der Nähe meines Kopfes sitzt. 

Während der Nacht schrecke ich plötzlich aus meinem Schlaf auf. Es war ein schlechter Traum. Ich sehe, dass die Spinnen noch auf ihrem Platz sitzen. Dann gehe ich hinaus an die frische Luft. Es ist neblig und feucht. Alles ist dunkel. Ein mulmiges Gefühl überkommt mich hier oben auf dem Hügel alleine zu sein, doch versuche ich mich diesem nicht hinzugeben. 

Am nächsten Morgen beim Frühstück erzähle ich Sia von den großen Spinnen. „Sie sind giftig“, warnt er mich. „Versuche nicht nach ihnen zu greifen. Lass sie einfach in Ruhe. Dann tun sie dir nichts.“

 

Der Alltag im Dorf 

Der Alltag im Dorf ist gekennzeichnet durch ein einfaches Leben. Duschen und Toiletten, so wie wir sie kennen, gibt es nicht. Die tägliche Notdurft verrichtet man einfach irgendwo auf dem Boden. Anfangs bereitet mir diese Situation noch Schwierigkeiten doch mit den Tagen verliert sich diese Scham. Es ist im Dorf ganz normal. Zum baden gehen die Dorfbewohner hinunter in den Fluss. Dort waschen sie sich und ihre schmutzige Kleidung. Auch ich mache mir dies zu einem täglichen Ritual. Das Wasser ist etwas lehmig vom Schlamm des Flussbodens doch trotzdem fühle ich mich danach erfrischt. 

Das Dorf besteht aus einfachen Holzhäusern. Ihre Dächer sind aus dichtem Stroh der Urikuri-Palme oder vereinzelt aus Aluminium gefertigt. Erst kürzlich hat das Dorf Solarenergie erhalten. Ab 18:00 Uhr nachdem die Sonne untergegangen ist, verfügt das Zentrum des Dorfes nun für einige Stunden über Strom und Licht. Fünf Familien leben ständig im Dorf. Sia als Cacique lebt mit seiner Familie im Zentrum des Dorfes. Hier befindet sich ein Platz für Versammlungen aller Art, eine Schule, die Küche und ein Gebäude, das als Kantine dient. Die Häuser der anderen Familien sind etwas weiter über das Dorf verteilt. 

Die Frauen kochen auf einfachen offenen Feuerstellen in großen Aluminiumtöpfen. Dreimal am Tag gibt es eine Mahlzeit. Frauen und Männer essen im Dorf getrennt. Für sie bestehen die Mahlzeiten aus viel Rindfleisch und frischem Fisch aus dem naheliegenden Fluss. Für mich als Vegetarierin gibt es dagegen hauptsächlich Reis, Bohnen, Eier, gekochte oder gegrillte Bananen, Mais, Maniok und Ananastee. Trotz seiner Einfachheit ist das Essen köstlich. Die Dorfbewohner trinken das Grundwasser aus den Erdquellen. Ihre Mägen sind daran gewöhnt. Um Krankheiten vorzubeugen, habe ich mir jedoch Mineralwasser aus Jordão mitgebracht. Einen Internetzugang haben wir im Dorf nicht. An das Leben offline gewöhne ich mich allerdings überraschend schnell. 

Tagsüber ertönt oft das Geräusch von Motorsägen. Es wird viel gearbeitet, um das Dorf weiter herzurichten und aufzubauen für zukünftige Besucher. Es sind gerade noch Familien benachbarter indigener Dörfer zu Besuch um dabei zu helfen. Die Arbeit ist klar nach Geschlechtern aufgeteilt. Die Frauen kochen, tragen Wasser in großen Kesseln auf ihren Köpfen aus den Erdquellen ins Dorf, reinigen die Häuser, waschen die Wäsche und kümmern sich um die Kinder. Einige der Mädchen im Teenageralter haben bereits selber kleine Babys. Die Herstellung des traditionellen Kunsthandwerkes ihres Volkes gehört ebenfalls zum Aufgabenbereich der Frauen und Mädchen. Ich verbringe viel Zeit mit ihnen und schaue dabei zu wie sie zum Teil mit ihren Kindern auf den Armen die kleinen runden Kügelchen aus Missanga auffädeln und auf diese Weise farbenfrohe mit heiligen Grafiken versehene Armbänder, Halsketten und Ohrringe entstehen. Andere flechten Körbe und Matten aus den Blättern der Urikuri Palme oder weben aus Wolle Taschen, Pullover und Jacken. Neben ihrer eigenen Nutzung verkaufen sie dieses Handwerkszeug auch in Jordão und an Touristen. Die Männer hingegen kümmern sich um den Häuserbau und das Anschaffen der Nahrung. Dazu gehen sie fischen, auf die Jagd oder erledigen Einkäufe in der Gemeinde Jordão. Außerdem sind sie die politischen und spirituellen Oberhäupter der Gemeinde. 

Ich liebe es in den Wald zu gehen. Einen kurzen Weg vom Dorf entfernt gibt es einen kleinen überdachten und offenen Ort inmitten des Waldes umzingelt von für das Volk heiligen Pflanzen. Hier kann man sich zurückziehen und mit der Natur alleine sein kann.

Entzündung meines Fußes

Nach 8 Tagen im Dorf und einer unruhigen Nacht wache ich auf und merke, dass mein Körper mit kleinen roten und juckenden Pusteln übersät ist. Sie sind auf meinen Füßen und Unterschenkeln sowie an meinen Armen und meinem unteren Rücken zu finden und bluten schon ein wenig. Es ist problematisch, die kleinen Moskitos abzuwehren, die sich von den blutenden Stellen angezogen fühlen. Verzweiflung kommt in mir hoch. Ich habe den Verdacht, dass ich allergisch auf eine Pflanze reagiere, die hier im Dorf wächst. 

Sia schaut sich die Stellen an und wir gehen in den Wald, um Medizin für meine Haut zu sammeln. Wir schlängeln uns auf engen Pfaden durch das heiße und feuchte Dickicht. Der Pajé [8] und seine Frau, die mit uns gekommen sind, sammeln Blätter von den Sträuchern und Bäumen. Die Frau des Pajés zerdrückt die Blätter in ihren Händen und reibt deren Saft über meine Unterschenkel, Füße, Arme und meinen Rücken. „Dies ist eine Medizin gegen den Juckreiz“, sagt sie. „Es wird deine Haut etwas beruhigen.“ 

Plötzlich verschwindet Sia und kommt kurze Zeit später mit einer länglichen Frucht zurück. „Hier, probiere diese Frucht.“ Er öffnet sie und bietet mir ihr flaumig weißes Fruchtfleisch an. Ich akzeptiere. Es schmeckt gut, sehr süßlich. „Der Name der Frucht ist Ingá“, sagt Sia. „Fast wie mein Name“, antworte ich. Wir müssen beide lachen. 

Am nächsten Tag hat sich meine Haut tatsächlich etwas beruhigt. Doch meine Angst vor einer Entzündung bleibt und ich möchte kein Risiko eingehen. Wir nehmen das Boot und fahren zum kleinen Dorfkrankenhaus von Jordão. Das Krankenhauspersonal reinigt die Stellen und spritzt mir ein Antibiotikum in einen Muskel. „Dies ist das beste Antibiotikum, das wir haben. Es wird für drei Wochen in deinem Körper verbleiben“, sagt der Krankenpfleger. Er fragt mich, ob ich in einem der indigenen Dörfer am Fluss lebe. Ich bejahe und er erzählt mir daraufhin, dass die Leute, die kommen um hier im Regenwald zu leben häufig aufgrund von Erkrankungen vorzeitig abreisen müssen. Das Leben im Wald ist wirklich nicht leicht. Die Moskitos, das Wetter, mögliche Allergien, das Fehlen von sauberem Wasser machen es zu einer täglichen Herausforderung. Froh mir keine Sorgen mehr machen zu müssen bedanke ich mich für die schnelle und gute Behandlung. 

 

Ein Abend mit Musik 

Wir sitzen zusammen in einer kleinen Runde aus Männern, Frauen und Kindern. Zwei junge Männer spielen die Gitarre und schlagen die Trommel. Der Rest von uns singt. Die anwesenden Kinder toben um uns herum. Es ist ein alltägliches Ritual im Dorf. Für das Volk der Huni Kuin ist es eine Möglichkeit, ihre Lieder der Heilung zu singen und ihre Spiritualität auszudrücken. Ich genieße es in dieser Runde zu sitzen. Als ich meine Kamera hervorhole, um diesen Moment festzuhalten, umringen mich schnell die Kinder. Neugierig nehmen sie mir meine Kamera aus der Hand und möchten alle meine Fotos sehen. Diese natürliche Neugierde und Anhänglichkeit rühren mich sehr. Einen kleinen Jungen schließe ich besonders in mein Herz. Sein Name ist Tsaná. Er ist still und wirkt sehr sensibel. Er erzählt mir, dass er zehn Jahre alt ist. Meine Nähe suchend setzt er sich neben mich. Ich halte ihn im Arm. Er greift mit seiner kleinen Hand nach meiner und hält sie fest. Dann umschlingt er mich als ob er mich nicht mehr gehen lassen möchte. Ich spüre seine reine und echte kindliche Zuneigung und mir kommen Tränen in die Augen. Dies ist einer der schönen und magischen Momente hier im Dorf. 

 

Samaúma [9] - Die Königin des Waldes 

Der Samaúma-Baum befindet sich einen ungefähr 15 minütigen Fußweg vom Dorf entfernt etwas tiefer im Regenwald. Inbuse, ein Bruder von Sia zeigt mir den Weg. Unterwegs machen wir eine kleine Pause. Inbuse bietet mir etwas von seinem Rapé [10] an. Die Dorfbewohner nutzen täglich diese für sie heilige Medizin, die aus dem gemahlenen Tabak der Tabakpflanze und der Asche eines heiligen Baumes besteht. Dadurch verbinden sie sich noch stärker mit der Natur. Gemeinsam nehmen wir die Medizin. Ich lasse sie auf mich einwirken und fühle mich gut und entspannt. 

Wir gehen weiter zum Samaúma-Baum. Beim Eintreten in den dichteren Wald merke ich erneut wie sich das Klima verändert. Dann bleibt Inbuse plötzlich stehen. „Sieh, dort ist die Samaúma“, sagt er und zeigt nach vorne. Die Samaúma ist für das Volk Huni Kuin die „Königin des Waldes“. Ich schaue durch das Dickicht und kann ihren mächtigen Baumstamm erkennen. Als wir sie erreichen, nehme ich mir etwas Zeit, um den Moment auf mich einwirken zu lassen. Ich betrachte den majestätischen Baum. Es braucht bestimmt mindestens zwanzig Personen um diesen Baumstamm vollends zu umfassen. Ihre dicken rohrförmigen Wurzeln ihres starken Stammes graben sich vehement über mehrere Meter in den Erdboden. Einige ihrer Wurzeln schlängeln sich zudem um ihren Stamm und sichern sie zusätzlich. Dann sehe ich hinauf zu ihrer Krone. Ich weiß nicht wie viel Meter. Aber es sind bestimmt um die 50 oder 60. Ihr breiter Stamm zeigt in die Luft und oben im Dickicht der Krone ragt ihr Grün in den Himmel hinaus. Inbuse zeigt auf eine Strebe, die wie ein Seil an ihrem Stamm herunterhängt. „An dieser Strebe kannst du hoch hinauf in die Krone klettern. Wir nennen sie ‚Escada dos Espíritos’ (‚Leiter der Geister’)“, erklärt er. „Dort oben in ihrer Krone sind alle Geister des Waldes vereint, die der Pflanzen, der Tiere und der Menschen. Wenn du dort hinaufkletterst wirst du sie spüren.“ Ich erfahre von Inbuse wie heilig die Samaúma für sein Volk ist. Für sie ist sie eine Verbindung zwischen Himmel und Erde und ein Geist der Heilung bringt.

Was für eine Schönheit, Eleganz und kraftvolle Energie dieser Baum ausstrahlt. In mir breitet sich ein glückliches und zugleich trauriges Gefühl aus. Bilder der unaufhaltsamen Zerstörung dieses Regenwaldes kommen mir in den Sinn. Jeden Tag, ja jede Minute werden Bäume hier im Regenwald abgeholzt und sterben. Bäume, wie dieser Samaúma-Baum, der Wasser aus den Tiefen des Bodens schöpft und damit nicht nur sich selbst, sondern das gesamte umliegende Pflanzenreich versorgt. Ein Baum, der 500 oder vielleicht bereits 1000 Jahre alt ist und Gutes für den Planeten und die Menschheit bringt.

 

„Festival de Legumes“ („Gemüsefestival“)

Das gesamte Dorf ist auf den Beinen. Alle sind mit ihren typischen Trachten und ihrer typischen Körperbemalung zurechtgemacht. Sia trägt einen Kopfschmuck aus langen weißen Harpyien Federn und roten Federn der Aras-Papageien. Zusätzlich haben sich die Männer die Blätter der Urikuri-Palme um ihre Oberkörper und Stirnen gebunden und halten ihre Sträucher in den Händen. Sie bilden eine Schlange und fassen sich an die Schultern. Die Schlange wird von den Pajés angeführt. Sie fangen an zu singen und tanzen zum zentralen Platz des Dorfes. Hier warten auch die Frauen und Kinder. Die Männer erreichen den zentralen Dorfplatz und bilden gemeinsam mit den Frauen und Kindern eine große Runde. Sie halten sich an den Händen und tanzen singend im Kreis. Neugierig frage ich Inbuse, was es mit diesem Ritual auf sich hat. Er erklärt mir, dass dieses Festival „Festival de Legumes“ („Gemüsefestival“) genannt wird. „Wir führen dieses heilige Ritual durch, um den Anbau und die Ernte des Gemüses zu unterstützen, das wir hier im Dorf brauchen, um uns zu ernähren, wie zum Beispiel Mais, Yamswurzel oder Maniok.“ Im Anschluss daran setzen sich die jungen Männer zusammen, machen Musik und singen während die jungen Mädchen ebenfalls singend im Kreis um sie herumtanzen. Ich schaue mir das Ritual neugierig an und bewundere, wie stolz sie ihre Kultur zeigen. 

Um noch ein wenig mehr über ihre Kultur zu erfahren setze ich mich zu Inbuse. Er freut sich, und fängt an zu erzählen: „Vor 500 Jahren, vor unserem ersten Kontakt mit den weißen Europäern hat die gesamte Dorfgemeinde in einer Maloca zusammen auf dem Fußboden geschlafen. Wir haben noch näher an der Natur gelebt als heute. Nach unserem Kontakt mit den Weißen haben wir jedoch angefangen ihre Kleidung zu tragen und Töpfe und Pfannen zum Kochen zu verwenden. Auch unsere Ernährungsweise haben wir umgestellt. Wir gehen jetzt weniger in den Wald um zu jagen, sondern kaufen unsere Nahrungsmittel öfter in Jordão. Trotzdem versuchen wir unsere Nähe zur Natur weitestgehend zu bewahren, denn die Natur präsentiert für uns unseren Gott.“ „Aber ihr wart in der Lage viel von eurer Kultur zu erhalten...“, entgegne ich. „Ja, darüber sind wir sehr froh“, bestätigt Inbuse. „Wir sprechen auch noch unsere Sprache, obwohl sie sich etwas mit dem Portugiesischen vermischt hat. Jetzt ist es unser Wunsch unsere Kultur für die kommenden Generationen weiter zu stärken und so auch den Wald und die Natur zu schützen.“ 

Plötzlich fängt es an, stark zu wehen. Wir sehen zum Himmel. Ein Gewitter hat sich zusammengebraut. Ein heftiger Regen setzt ein. Wir suchen Schutz in einer der Malocas. Der Regen hier im Wald ist sowieso schon stark aber der jetzige Regen ist noch wesentlich stärker. Der Himmel ist schwarz und es donnert und blitzt kräftig. Zudem ist es plötzlich ungewöhnlich kalt geworden. Maschinengewehrartig prasselt der Regen auf das Dach der Maloca. Der heftige Wind, der ihn begleitet weht die Regenschauer hinein, und wir setzen uns weiter in die Mitte des Hauses, um nicht nass zu werden. Die Sturmböen peitschen von links nach rechts. Das ganze Dorf hat jetzt Unterschlupf gesucht, auch die Hunde kauern sich in Sicherheit. Halbwegs gefertigte Strohdächer der neu gebauten Malocas fallen zu Boden. Später am Abend nachdem sich das Wetter wieder beruhigt hat sagen mir die Dorfbewohner, dass sie in ihrem ganzen bisherigen Leben hier im Amazonas-Regenwald noch nie so einen heftigen Regen gesehen haben wie den heutigen.
 

„Hãpaya, o Ritual de Batismo“ – Das „Taufritual“ 

Ich erhalte eine Gesichtsbemalung mit der roten Farbe der Frucht „urukum“, die ebenfalls hier im Regenwald wächst. „Dies ist eine Vorbereitung für ein Ritual, das heute mit dir durchgeführt werden wird. Es ist ein ‚ritual de batismo’ (‚Taufritual’). In unserer Sprache heißt es‚Hãpaya’ und es ist in unserer Kultur sehr heilig“, erklärt mir Sia. Er erklärt darüber hinaus, dass dieses Ritual beim Samaúma-Baum stattfinden wird und ich im Anschluss daran für drei Tage eine spezielle Diät einhalten muss, in der Salz, Zucker, Fleisch und Fisch untersagt sind. Ein wenig später machen wir uns in einer kleinen Gruppe auf in den Wald zum Samaúma-Baum. Wir sind alle für das Ritual entsprechend zurechtgemacht. Sia trägt seinen Kopfschmuck aus Harpyien- un Aras-Papagei-Federn und die Frauen und Kinder tragen bunte Stirnbänder mit den für ihr Volk typischen Grafiken. Auch ich habe ein Band um die Stirn gebunden.

Bei der Samaúma angekommen holt Sia roten Pfeffer hervor, den er vorher im Wald gesammelt hat. Ich erfahre, dass roter Pfeffer eine sehr heilige Medizin für das Volk der Huni Kuin ist. Sia legt den roten Pfeffer auf den Boden. Mit der einen Hand fängt er an den Pfeffer mit einem Holzstäbchen zu zermahlen und spricht dabei ein Gebet in seiner Sprache. In der anderen Hand hält er einen toten Japinim-Vogel. Sia erzählt mir, dass dieser Vogel den Gesang aller anderen Vögel nachahmt und sehr heilig für sein Volk ist. Im Anschluss daran bittet er, dass ich mich hinsetze. Er stellt eine kleine Schale vor meine Füße und verrät mir die Bedeutung des Rituals. „In der Legende der Huni Kuin bedeutet dieses Ritual eine Initiation. Der Eingeweihte, der dieses Ritual durchläuft erhält eine Initiation und wird damit befähigt, selber zum Heiler zu werden. Er soll durch den Geist des heiligen Pfeffers und des heiligen Vogels Japinim lernen zu singen und heilige Lieder der Heilung in seinen Visionen empfangen.“ 

Ich bin aufgeregt. Ich muss meinen Mund öffnen und meine Zunge herausstrecken. Sia benetzt den Schnabel des heiligen Vogels mit dem zermahlenen frischen roten Pfeffer und fängt an, ihn auf meine Zungenspitze zu tupfen. Die kleine Schale vor mir dient dazu, meinen herunterlaufenden Speichel aufzufangen. Sia tupft den Pfeffer für einige Minuten auf meine Zunge und spricht dabei ein Gebet in seiner Sprache. „Jetzt muss die Energie der Pfeffer-Medizin für 40 Minuten auf deiner Zunge einwirken“, sagt er nachdem er fertig ist. 

Ich sitze auf einer Wurzel der Samaúma. Meine Zunge hängt aus meinem Mund heraus und Speichel tropft hinab. Der Pfeffer brennt auf meiner Zunge aber es ist auszuhalten. Ich nehme mich zusammen, während dieser Zeit nicht zu schlucken oder Speichel zu spucken. Ich möchte das Ritual unbedingt durchstehen. Als die 40 Minuten vorüber sind spucke ich den Speichel, der sich angesammelt hat aus meinem Mund und schnäuze mir die Nase. Die Energie des Pfeffers wirkt sehr stark. 

Nachdem das Ritual offiziell beendet ist, verlassen wir den Wald. Beflügelt gehe ich hinauf zu meinem Haus. Es ist außergewöhnlich heiß heute, bestimmt weit über 30 Grad. Nur wenige Wolken sind am Himmel. Die Sonne brennt erbarmungslos auf das Dorf. Im Haus lege ich mich auf meine Matratze. Hier bin ich allein und kann meinen Empfindungen freien Lauf lassen. Die energetische Wirkung des Rituals ist sehr intensiv. Plötzlich verspüre ich den starken Drang singen zu wollen. Mir schießen unterschiedliche Melodien durch den Kopf und ich fange an zu singen. Wie im Delirium und muss ich lachen und weinen zugleich. 

Dann wird mir plötzlich ganz heiß. Mein ganzer Körper fühlt sich an wie aufgeheizt. Mein Puls beschleunigt sich. Ich schaue in meinen Taschenspiegel und sehe, dass ich feuerrot bin. Ich scheine Fieber zu haben. Ich lege mich hin und warte darauf, dass die Sonne bald untergeht und es kühler wird. Vielleicht ist es eine Reaktion auf das Antibiotikum, das mir zwei Tage zuvor gespritzt worden ist. Als die Sonne sich daran macht unterzugehen, gehe ich hinunter ins Dorf. Eine Dorfbewohnerin sieht, dass es mir nicht gut geht und reibt mich mit kaltem Wasser ein. Jetzt fange ich an, mich wieder besser zu fühlen. Ich gehe zu Sia und frage ihn, ob diese Hitze eine normale Reaktion auf das Ritual ist. Er antwortet mir, dass sie eine sehr starke Reaktion ist und dass die Kraft des Rituals am ersten Tag am stärksten ist. Insgesamt wird sie für drei Tage anhalten. 

 

Der Abschied

Das Taufritual und die drei Tage der Diät sind vorbei. Ich habe sie gut überstanden und fühle mich innerlich gereinigt und gestärkt. Für die Zukunft habe ich mir vorgenommen, mehr zu singen und Gitarre spielen zu lernen. 

Auch die drei Wochen meines Aufenthalts beim Volk der Huni Kuin sind nun vorüber. Unten im Dorf verabschiede ich mich von allen. Dani, eine junge Dorfbewohnerin fragt mich, ob ich etwas Kleidung gegen handgemachten Schmuck tauschen möchte. Ich bringe ihr meine Gummistiefel und ein paar T-Shirts und sie gibt mir eines ihrer handgemachten Armbänder aus Missanga. Sie erzählt mir, dass sie im sechsten Monat mit ihrem dritten Kind schwanger ist und sich ein Mädchen wünscht. Auf meine Frage wie alt sie ist, antwortet sie mir, dass sie zwanzig Jahre alt ist. 

Tsaná spielt mit ein paar Jungs. Er sieht mich mit meinen Taschen kommen und weiß, dass ich mich verabschieden möchte. Er dreht sich von mir weg und ich sehe wie Tränen in seine Augen schießen. Ich nehme ihn in den Arm. Auch ich bin sehr traurig über diesen Abschied. Im Boot warte ich mit Sia, Bunke und Inbuse auf die Abfahrt. Sie werden mich nach Jordão begleiten. Oben am Hang des Ufers steht Tsaná und hält Ausschau nach mir. Ich winke ihm zu. Dann fahren wir los. Tsaná läuft das Ufer entlang bis wir uns nicht mehr sehen können. Ich winke ihm noch ein letztes Mal zu bevor wir uns endgültig aus den Augen verlieren. 

 

Ich bin froh, dass ich drei Wochen mit dem Volk der Huni Kuin gelebt und dieses intensive Abenteuer trotz aller Schwierigkeiten erfahren habe. Die wundervollen Menschen und die magischen Momente werden noch lange in meiner Erinnerung und in meinem Herzen verweilen.

[1] Das Volk der Huni Kuin, ist eines der präsentesten indigenen Völker Brasiliens. Es lebt an der Grenze zu Peru im Unterlauf des Jordão Flusses, in Acre, Brasilien. Die Bezeichnung „Huni Kuin“ (Kaxinawá) bedeutet soviel wie „homens verdadeiros“ oder „gente com costumes conhecidos“ was in der Übersetzung „echte Menschen“ oder „Menschen mit bekannten Bräuchen“ heißt. Ausführlichere Infos zum Volk der Huni Kuin lassen sich unter folgendem Link finden (auf Portugiesisch): https://pib.socioambiental.org/pt/Povo:Huni_Kuin_(Kaxinawá)

[2] Malocas sind die traditionellen Häuser mit Dächern aus Stroh der indigenen Völker. 

[3] Der politische Anführer einer indigenen Gemeinde. 

[4] Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Acre.

[5] Acre ist ein Bundesstaat im äußersten Nordwesten Brasiliens. Die Vegetation Acres ist fast ausschließlich vom Amazonas-Regenwald geprägt und seine Bevölkerung setzt sich aus indigenen Völkern und Siedlern aus dem Nordosten und Süden Brasiliens zusammen. Vgl. https://www.estadosecapitaisdobrasil.com/estado/acre/

[6] Eine kleine Gemeinde im Bundestaat Acre in Brasilien, die von den Flüssen Jordão und Tarauacá geschnitten wird. Mit etwas mehr als 7.000 Einwohnern liegt die Gemeinde 640 Kilometer Luftlinie von der Landeshauptstadt Rio Branco entfernt und direkt im Amazonas-Regenwald. Von den etwa siebentausend Einwohnern sind mehr als zweitausend Ureinwohner der Huni Kuin-Volksgruppe. Ohne Zugang auf dem Landweg ist Jordão entweder durch eine 3-tägige Reise mit dem Boot oder einem 2,5 stündigen Flug mit dem Lufttaxi zu erreichen. Vgl. https://www.agencia.ac.gov.br/jordo-uma-pequena-cidade-amaznica/

[7] Missanga sind kleine Stücke aus Glas, Stein oder ähnlichem Material gerundet und perforiert, sodass sie mit anderen eingefädelt werden können.

[8Als Pajé wird der spirituelle Führer einer indigenen Gemeinde bezeichnet.

[9] Der Samaúma-Baum wächst zwischen 60 und 70 Metern hoch. Einige Exemplare jedoch können eine Höhe von bis zu 90 Metern erreichen und machen ihn damit zu einem der größten Bäume der Welt. Der Samaúma-Baum ist heimisch in Mexiko, Mittelamerika, in der Karibik, im Norden Südamerikas und in Westafrika. Das Wort Samaúma wird verwendet, um die Baumwollfasern zu beschreiben, die aus ihren Früchten gewonnen werden. Dieser Baum kann Wasser aus den Tiefen des Bodens schöpfen und sich nicht nur selbst versorgen, sondern auch mit anderen Arten teilen, da seine als Sapopemba bekannten Wurzeln zu bestimmten Jahreszeiten platzen und das gesamte umliegende Pflanzenreich bewässern. Er wird von daher auch „Baum des Lebens“ genannt. Vgl.: https://www.iguiecologia.com/samauma/und https://pt.wikipedia.org/wiki/Mafumeira

[10Der Rapé ist ein Schnupftabak, der aus getrocknetem und fein gemahlenem Mapacho Tabak, sowie aus Teilen oder der Asche von verschiedenen Heilpflanzen oder heiligen Bäumen besteht, wie zum Beispiel dem „Mulateiro-Baum“,und mit Hilfe eines Rohres (Tepi) in die Nase gepustet wird. Das Ziel ist es dadurch eine körperliche und energetische Reinigung zu erfahren.

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